Partnerschaftlich handeln bei der Bundeswehr (Ausgewählte Ergebnisse)
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Partnerschaftlich handeln bei der Bundeswehr

Gender-Fragen in männlich dominierten Organisationen – Erfahrungen mit der Fortbildung "Partnerschaftlich handeln" bei der Bundeswehr

Ergebnisse im Detail

Inhaltsübersicht


 

Organisationen im Wandel

Fortbildungen zu Gender-Themen werden in männlich dominierten Organisationen häufig erst dann nachgefragt, wenn es zu einer Öffnung für Frauen und damit zu einem tief greifenden Wandel der Organisation kommt. Insofern sind Fortbildungen wie "Partnerschaftlich handeln" selbst Teil des Strukturwandels. Werden die bevorstehenden Veränderungen der Organisation als bedrohlich empfunden, so die These der Gender-Forschung, so ist auch mit entsprechend ablehnenden Haltungen der Seminar-Teilnehmer gegenüber Gender-Seminaren zu rechnen.

Die Erfahrungen mit den Seminaren bei der Bundeswehr haben jedoch gezeigt, dass solche Vorbehalte abgebaut werden können, wenn es gelingt, organisationsspezifische Belange und Besonderheiten bei der Seminarkonzeption zu berücksichtigen und auf die Widerstände der Seminarteilnehmer adäquat einzugehen. Im Folgenden wird aufgezeigt, welche Reaktionen die Seminareinheiten "Frauen und Männer am Arbeitsplatz", "Sexuelle Belästigung, Mobbing und Diskriminierung" und "Vereinbarkeit von Familie, Privatleben und Beruf" bei den Teilnehmern ausgelöst haben und wie sie die Seminare im Nachhinein bewerteten.

 

Seminareinheit "Männer und Frauen am Arbeitsplatz": Hinterfragung von Rollenbildern

Der Soldatenberuf gilt nach wie vor als "Männerberuf". Zu diesem Ergebnis kam im Jahre 2001 eine Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr unter Soldaten der Streitkräfte aus dem Jahre 2001: 43 Prozent der Soldaten waren der Ansicht, Frauen seien ungeeignet für Tätigkeiten mit hohen körperlichen Anforderungen; jeder fünfte männliche Soldat äußerte Vorbehalte gegen Frauen in militärischen Führungspositionen. Demgegenüber lautete die explizite Ausgangsposition der Seminareinheit "Männer und Frauen": "Unter wehrergonomischen Gesichtspunkten können Frauen wie Männer alle Tätigkeiten bei der Bundeswehr ausüben, insbesondere wenn man die körperliche Trainierbarkeit von Männern und Frauen berücksichtigt."

Die Assoziationsübungen zu Stereotypen und Klischees hinsichtlich männlicher und weiblicher Rollenbilder stießen positive Prozesse an und lösten eine Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Aufgabenteilungen und Männlichkeitsritualen bei der Bundeswehr aus. Viele Teilnehmer äußerten im Ergebnis, das männliche Bild vom Soldatenberuf sei in Bewegung geraten.

 

Seminareinheit "Vereinbarkeit von Familie und Beruf": ein wichtiges Thema in männlich dominierten Organisationen

Probleme mit der Vereinbarkeit von Privatleben, Familie und Beruf
Eingeschätzte Relevanz der Bausteine in unterschiedlichen Dimensionen
  • Eingeschätzte Relevanz der Bausteine in unterschiedlichen Dimensionen (Vorabbefragung, Angaben in Prozent)*
sind ein strukturelles Merkmal männlich dominierter Organisationen und treten dort aufgrund besonders hoher Erwartungen an die Leistungsbereitschaft in zugespitzter Form auf. Für die Bundeswehr gilt dies in besonderem Maße, denn von Soldatinnen und Soldaten wird eine hohe Verfügungsbereitschaft für Auslandseinsätze und Versetzungen erwartet. Fallstudien aus der Literatur zeigen, wie belastend diese Problematik für die betroffenen Familien sein kann. Entsprechend hatten die Teilnehmenden diesem Thema bereits bei der Vorabbefragung höchste Relevanz bescheinigt, und nach den Seminaren äußerten sie mehrheitlich, dass sie sich für diese Seminareinheit mehr Zeit gewünscht hätten. Als Fachkräfte in der Ausbildung und Beratung äußerten sie insbesondere großen Informationsbedarf hinsichtlich gesetzlicher Regelungen und Handlungsmöglichkeiten, um Ratsuchenden entsprechend helfen zu können.

 

Seminareinheit "Sexuelle Belästigung, Mobbing, Diskriminierung": Auch Männer als Opfer berücksichtigen

In dieser Seminareinheit zeigten sich bei den Seminarteilnehmern Unsicherheiten hinsichtlich der Abgrenzung von Definitionen unterschiedlicher Gewaltformen. Es hat sich bewährt, dass das Thema "Sexuelle Belästigung" in den Kontext allgemeiner Antidiskriminierungspolitik und der Gestaltung eines toleranten und partnerschaftlichen Arbeitsklimas eingebunden wurde. Zudem hat es sich als hilfreich erwiesen, Fallbeispiele so auszuwählen, dass auch Männer als Opfer von sexueller Belästigung, Mobbing und Diskriminierung dargestellt werden. Insbesondere bei Fortbildungen in männlich dominierten Organisationen kann dies die Bereitschaft der Teilnehmenden erhöhen, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen.

 

Häufig abgelehnt: Sensibilisierung und Reflexion als Seminarziele

Sensibilisierung für die Entstehung von Konflikten am Arbeitsplatz
„Ich habe positive Erwartungen bezogen auf ...“ – Positionierungen der Teilnehmenden
  • „Ich habe positive Erwartungen bezogen auf ...“ – Positionierungen der Teilnehmenden (Vorabbefragung, Angaben in Prozent)
und Anregung zum Überdenken eigener Einstellungen und Verhaltensweisen sind zwei wichtige Ziele der Fortbildung "Partnerschaftlich handeln", die gleichwertig neben der Vermittlung von Hintergrundinformationen, Unterrichtsmethoden und Beratungstechniken stehen. Im Vorabfragebogen vor dem Seminar wurden die Teilnehmenden nach ihren Erwartungen in Bezug auf die Seminare befragt, wobei sich zeigte, dass den beiden erstgenannten Zielen geringere Priorität eingeräumt wurde als der Vermittlung von Hintergrundwissen und dem Erlernen von Unterrichtsmethoden und Beratungstechniken. Auch im Verlauf der Seminare stießen Sensibilisierungsübungen häufiger auf Ablehnung als andere Vermittlungstechniken. Dieses Problem ist vor dem Hintergrund des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Lernkulturen zu betrachten. Während die Lernkultur der Bundeswehr auf klar definierten Zielen und Handlungsanweisungen beruht, stammen Lernziele wie Sensibilisierung und Reflexion eher aus dem sozialpädagogischen Diskurs des zivilen Lebens.

 

Nach dem Seminar: Veränderte Einstellungen

Als nach den Seminaren die Frage nach den Prioritäten nochmals gestellt wurde, zeigte sich, dass die Sensibilisierung als akzeptiertes Ausbildungsziel am deutlichsten an Anerkennung gewonnen hatte. Mit 40 Prozent vergaben nach dem Seminar beinahe doppelt so viele Teilnehmende die höchste Priorität für das Seminarziel Sensibilisierung wie vor dem Seminar. Auch für das Ziel "Die eigene Meinung und das eigene Verhalten überdenken" vergab nach dem Seminar ein höherer Anteil die höchste Priorität.

Verändert hat sich im Seminarverlauf auch die Einstellung zu den Seminarthemen "Frauen und Männer im Betrieb", "Sexuelle Belästigung, Mobbing und Diskriminierung" sowie "Vereinbarkeit von Privatleben, Familie und Beruf". Während zu Beginn der Veranstaltungsreihe Skepsis vorherrschte, ob es richtig ist, solche Themen in Seminaren zu behandeln, konnten diese Vorbehalte während der Veranstaltungen abgebaut werden. Die Teilnehmenden gaben nach den Seminaren an, dass ihnen die Brisanz und Bedeutung der Thematik durch die Fortbildung bewusst geworden sei und dass diese Themen offenbar vielfältiger und komplexer seien als zuvor angenommen.

 

Kompetenzzuwachs

"Partnerschaftlich Handeln" versteht sich als Schulungskonzept für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die Kompetenzen in drei Bereichen erlangen sollen:
  • Veranstaltungen anbieten, andere Lehrkräfte und Teilnehmende an Lehrgängen fortbilden
  • Beratungsgespräche führen
  • Auf problematische Situationen reagieren und Lösungen für Konflikte finden.
Im Projektverlauf wurden die Teilnehmenden mehrfach zur Selbsteinschätzung ihrer Kompetenzen in diesen Bereichen befragt: vor Seminarbeginn, unmittelbar nach dem Seminar und im Anschluss an einen Reflexionsworkshop. So ließ sich die Entwicklung der Selbsteinschätzung über den gesamten Projektverlauf darstellen. Dabei konnte bei den Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in allen Aufgabenbereichen ein Zuwachs an Sicherheit und eine Abnahme von Unsicherheiten nachgewiesen werden.