Handlungsbedarfe bei Schwangerschaftskonflikten (Abstract)
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Handlungsbedarfe bei Schwangerschaftskonflikten

Handlungsbedarfe bei Schwangerschaftskonflikten

Ausgangslage und Leitfragen

Forschungen zu Hintergründen ungewollter Schwangerschaften und zum Entscheidungsverhalten bei ungewollter Schwangerschaft bilden die Grundlage, um Hilfebedarfe präziser zu bestimmen und entsprechende Maßnahmen abzuleiten. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat das Institut für Angewandte Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg (FH) mit einer Expertise beauftragt. Ziel ist, eventuelle Forschungsbedarfe genauer herauszuarbeiten und zu begründen sowie Vorschläge für die methodische Umsetzung zu erarbeiten.

Die vorliegende Expertise soll prüfen, ob und inwiefern weiterführende Forschungen zu ungewollter Schwangerschaft und Schwangerschaftskonflikt erforderlich sind. In Auswertung statistischen Materials, vorliegender Literatur und unter Einbeziehung von Expertengesprächen mit Beraterinnen und Beratern, Ärztinnen und Ärzten sowie Vertreterinnen und Vertretern relevanter Verbände sollen dazu folgende Leitfragen in den Mittelpunkt gestellt werden:

  • Haben sich verändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen einen Einfluss auf den Entstehung von und Entscheidung bei ungeplanten Schwangerschaften und, wenn ja, inwiefern?
  • Welchen Einfluss haben kulturelle Traditionen (Ost-West, Menschen mit Migrationshintergrund), weltanschauliche Werte (religiöse oder andere weltanschauliche Einstellungen) und öffentliche Diskurse, und welche Veränderungen sind hier hervorhebenswert?
  • Beeinflussen reale oder antizipierte soziale Lebens- und Arbeitsbedingungen das Entscheidungsverhalten und, wenn ja, inwiefern? Welche Bevölkerungsgruppen betrifft dies besonders (Alleinerziehende, Akademikerinnen, ALG-II-Empfängerinnen, Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Frauen mit Migrationshintergrund)? Wie bedeutsam ist der Bildungs- und Sozialstatus der Frauen und Paare für ihr Entscheidungsverhalten?
  • Welche Rolle spielen partnerschaftliche und familiale Konzepte und Situationen im Entscheidungsgeschehen? Was hat sich diesbezüglich verändert? Wie beeinflussen insbesondere auch die Präsenz, Lebenssituation und Haltungen der Partner das Erleben einer Schwangerschaft als ungewollt bzw. das Entscheidungsverhalten der Frau?
  • Gibt es hervorhebenswerte Besonderheiten bei den jeweiligen Altersgruppen? Welche Aspekte sind insbesondere für Frauen zwischen 25 und 35 Jahren bedeutsam? Gibt es diesbezüglich Differenzierungen unter sozialen, bildungsmäßigen oder kulturellen Aspekten?
  • Welche Handlungsbedarfe und Hilfeangebote halten Expertinnen und Experten für besonders wichtig und ausbaubedürftig? Welche Rolle spielen verschiedene Hilfeangebote, Beraterinnen sowie Ärztinnen und Ärzte in diesem Kontext?
Als wichtiger konzeptioneller und methodischer Aspekt ist zu beachten, dass das Thema Schwangerschaftsabbruch nicht isoliert betrachtet werden kann. Familienplanung ist Lebensplanung. Die zunehmende Komplexität und Flexibilität von Lebens- und Arbeitswelten lässt mithin auch eine weitere "Verkomplizierung der Familienplanung" [1] erwarten, so individuell jeweils die Entscheidungen sind. Jede Schwangerschaft hat ihre konflikthaften Anteile, ist mit Entscheidung und Vergewisserung über diese Entscheidung verbunden, das gilt erst recht für die ungeplante und ungewollte Schwangerschaft.


[1] Helfferich, C. et al.: frauen leben: Eine Studie zu Lebensläufen und Familienplanung. In: BZgA (Hrsg.): Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung, Bd. 19, Köln 2001