Erweiterung der sexuellen Selbstbestimmung von Erwachsenen mit Behinderung (Abstract)
English

Reflexion, Wissen, Können – Qualifizierung von Mitarbeitenden und Bewohner/innen zur Erweiterung der sexuellen Selbstbestimmung von Erwachsenen mit Behinderung in Wohneinrichtungen (ReWiKs)

Erweiterung der sexuellen Selbstbestimmung von Erwachsenen mit Behinderung (Abstract)

Ziel des Projektes ist die Erweiterung der sexuellen Selbstbestimmung von erwachsenen Bewohner/innen mit Behinderung in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe. Dafür wird der Zugang vorrangig über die Qualifizierung der Mitarbeitenden sowie in ausgewählten Projektbereichen ebenso über die Qualifizierung der Bewohner/innen gewählt. Die Qualifizierungsmaßnahmen umfassen dabei die drei relevanten Bereiche Reflexion, Wissen und Können.

Inhaltsübersicht


 

Projektbereich Reflexion

(schwerpunktmäßig Universität Koblenz-Landau, Leitung Prof. Dr. Jennessen)
Veränderungsmöglichkeiten in den Bereichen Haltung, Strukturen und Praktiken der Institutionen werden initiiert und strukturiert durch Reflexionsinstrumente, in denen angelehnt an den Index für Inklusion (Boban/Hinz 2003) sowie den Qualitätsindex für Kinder- und Jugendhospizarbeit (QuinK) (Jennessen 2014, Jennessen/Hurth 2014) Leitsätze gelingender sexueller Selbstbestimmung für Bewohner/innen formuliert werden (ein erster Entwurf liegt bereits vor).
Die Leitsätze werden in Leichte Sprache übersetzt und somit auch Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zugänglich gemacht. Zu diesen Leitsätzen werden Reflexionsfragen in den Bereichen Haltung, Strukturen und Praxishandeln abgeleitet, die als Anregungen für die team- und einrichtungsbezogene Diskussion dienen. Dieses Reflexionsinstrument soll selbständig von den Mitarbeitenden für gemeinsame Teamsitzungen oder Beratungsprozesse genutzt werden können.
Zudem wird das Reflexionsinstrument für jeden Leitsatz auf seine Kernaussagen verdichtet, ebenfalls in Leichte Sprache übersetzt und exemplarisch sowie themenfokussiert mit Bewohner/innen aus Einrichtungen der Eingliederungshilfe diskutiert und evaluiert. So können langfristig partizipative Reflexionsprozesse in den Institutionen initiiert und strukturiert werden.

Die auf diese Weise erarbeiteten Themen sind vernetzt mit den im zweiten Teilbereich des Projektes zu entwickelnden Fortbildungsbausteinen, so dass den im Reflexionsprozess generierten Fortbildungsbedarfen der Mitarbeitenden hier entsprochen werden kann. Die im dritten Projektbereich erarbeiteten Praxisprojekte bieten zusätzlich konkrete Veränderungsideen für die Einrichtungen.

 

Projektbereich Wissen

(schwerpunktmäßig KatHO Münster, Leitung Prof. Dr. Ortland)
Veränderungen im Bereich Wissen sowie Können werden über Fortbildungen für die Mitarbeitenden erreicht. Themen dieser Fortbildungseinheiten, die als ein Baukastensystem geplant und damit der Heterogenität der Mitarbeitenden entsprechend zielgruppen- und bedarfsorientiert zusammengestellt werden können, liegen zum einen im Bereich der Grundlagen zu sexueller Entwicklung bei Menschen mit Behinderung und deren Sexualität im Erwachsenenalter. Vorliegende Themenwünsche (z.B. Alter und Sexualität) aus einer Befragung von Mitarbeitenden (vgl. Ortland 2013) werden berücksichtigt. In diesem Bereich erfolgen zur Qualitätssicherung Diskussionen mit erfahrenen Fortbildner/innen aus den Einrichtungen.

Zum anderen sollen die Mitarbeitenden durch Kompetenzvermittlung im didaktisch-methodischen Bereich befähigt werden, Weiterbildungs- und Gesprächsanlässe mit den Bewohner/innen im Alltag zu erkennen und zum Wissenstransfer für die Bewohner/innen zu nutzen. Hier werden Bewohner/innenbeiräte sowie Frauenbeauftragte aus Einrichtungen partizipativ in den Entwicklungsprozess einbezogen, so dass deren Ideen umfassend für die Gestaltung der Fortbildungsinhalte und -methodik genutzt werden können.

Die Moderation von Aushandlungsprozessen gerade im Bereich mangelnder Wahrung von Intim und Privatsphäre in den Wohngruppen (vgl. Ortland 2013 / 2015) gehört ebenfalls zur Kompetenzerweiterung. Die Maßnahmen dienen einer Minimierung von grenzverletzenden Verhaltensweisen im Alltag der Bewohner/innen untereinander (vgl. BMFSFJ 2012, Ortland 2013).

 

Projektbereich Können

(schwerpunktmäßig EFH Bochum, Leitung Prof. Dr. Römisch)
Anregungen für eine sexualfreundliche Umgestaltung der Lebenssituation der Bewohner/innen sowie deren Empowerment stehen im Bereich des Könnens im Vordergrund. Es werden vorliegende, erprobte Praxisbeispiele (z.B. aus dem Projekt von Weibernetz e.V. "Frauenbeauftragte in Einrichtungen") bundesweit recherchiert, dargestellt und mit konkreten Handlungsanweisungen für die Umsetzung in der Praxis versehen.

Der Bewertungs- und Auswahlprozess wird durch die Berücksichtigung des Erfahrungswissens der Bewohner/innen in den involvierten Einrichtungen partizipativ gestaltet. In diesem Projektbereich wird die Fokussierung auf Bewohner/innen mit vorrangig kognitiven Einschränkungen erweitert auf die Lebenslage von Bewohner/innen in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe allgemein, d.h. mit verschiedenen Formen der Beeinträchtigung.

Das so entstehende Handbuch gibt konkrete Ideen zur Verbesserung der sexuellen Selbstbestimmung der Bewohner/innen sowie zu Maßnahmen der Prävention sexueller Gewalt in den Wohneinrichtungen. Neben der Version für die Mitarbeitenden wird es eine verdichtete Version in Leichter Sprache geben, so dass auch Bewohner/innen Anregungen für mögliche Projekte in den eigenen Einrichtungen erhalten, um so Veränderungsprozesse gezielt mitgestalten zu können.

 

Ziele der ersten Projektphase


Zusammenfassend sind die Ergebnisse der ersten Projektphase (nach einem Jahr):
  • Reflexionsmanuale, die von allen Mitarbeitenden einer Einrichtung (unabhängig von deren Qualifikationsgrad und Aufgabenbereich) selbständig für teambezogene Reflexionsprozesse sowie von den Bewohner/innen zur Reflexion ihrer einrichtungsbezogenen Situation verwendet werden können,
  • ein Baukastensystem für Fortbildungen für Mitarbeitende in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, das von den Einrichtungen in internen Fortbildungen oder von anderen Anbietenden für die Fortbildungen genutzt werden kann,
  • ein Praxishandbuch gelungener Beispiele der Erweiterung sexueller Selbstbestimmung und des Empowerment der Bewohner/innen, das wiederum von allen Mitarbeiter/innen sowie von Angehörigen/gesetzlichen Betreuer/innen oder ehrenamtlichen Mitarbeitenden zur Generierung von Ideen und Handlungsansätzen genutzt werden kann. Eine Version in Leichter Sprache ermöglicht Bewohner/innen Veränderungen in der Einrichtung zu initiieren.

 

Zweite Projektphase

An die Entwicklung der schriftlichen Unterlagen schließt sich eine zweite, erneut einjährige Projektphase an. In dieser steht die partizipative Praxiserprobung und -evaluation der Materialien im Vordergrund. Das insgesamt zweijährige Projekt wird mit einer bundesweiten Fachtagung, auf der die Ergebnisse der Fachöffentlichkeit vorgestellt werden, abgeschlossen. Die Materialien sollen im Weiteren über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung publiziert und vertrieben werden.

Weiterhin dient die Implementierung sowie eines partizipativen Projektbeirates aus Expert/innen für Fragen sexueller Selbstbestimmung im Kontext Behinderung der Qualitätssicherung und Transparenz des Forschungsprozesses.

 

Literaturverzeichnis


Boban, I.; Hinz, A. (2003): Index für Inklusion. Lernen und Teilhabe in einer Schule der Vielfalt entwickeln. Halle-Wittenberg
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2012): Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland. Kurzfassung. Meckenheim
Jennessen, S. (2014): QuinK – Qualitätsindex für Kinder- und Jugendhospizarbeit. In: Bundes-Hospiz-Anzeiger 1, Jg 12, 13-23
Jennessen, S. Hurth, S. (2014): Der Qualitätsindex für Kinder- und Jugendhospizarbeit. Hospiz-Verlag: Gütersloh (in Vorbereitung)
Ortland, B. (2013): Sexualpädagogische/-andragogische Konzeptionen für Wohneinrichtungen für Erwachsene mit Behinderung – Erfahrungen, Bedarfe und Unterstützungsnotwendigkeiten aus der Perspektive der Mitarbeitenden. Unveröffentlichter Forschungsbericht Katholische Hochschule Münster
Ortland, B. (2015): Sexuelle Vielfalt als Herausforderung. Aktuelle Ergebnisse der Befragung von Mitarbeitenden in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe. In: Teilhabe Jg. 54,Heft 1 (Publikation zugesagt)