Ungeplant schwanger – wie geht es weiter? (Abstract)
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Ungeplant schwanger – wie geht es weiter? Ein Modellprojekt zur ärztlichen Aufklärung in Schulen

Ungeplant schwanger – wie geht es weiter? (Abstract)

Aufbau, Durchführung und Evaluation einer Unterrichtseinheit im Rahmen ärztlicher Prävention in Schulen. Verknüpfung von Primär- und Sekundärprävention

Hintergrund

Jugendliche sollen nicht nur wissen, wie man ungewollte Schwangerschaft sehr sicher verhüten kann, sondern auch, wie es weiter geht, wenn Verhütung nicht klappt – in unterschiedlichen Konstellationen.

Dabei müssen Ängste, Konfliktsituationen, Befürchtungen und entsprechende Lösungswege zum Thema "Ungewollte/ungeplante Schwangerschaft" thematisiert werden. Denn laut Untersuchung der BZgA sieht die Mehrzahl von Teenagern eine Schwangerschaft in ihrem Alter als "Katastrophe" an, dies wurde im Vier-Jahreszeitraum zur letzten Befragung als zunehmend beschrieben, dabei deutlich mehr bei Mädchen und besonders bei solchen mit Migrationshintergrund.



  • Einstellungen zu unerwarteter Schwangerschaft
Im vertraulichen Gespräch von Schülerinnen und Schülern mit ÄGGF-Ärztinnen werden entsprechend oft große Befürchtungen im Zusammenhang mit ungewollter Schwangerschaft geäußert. Dies sind sowohl diffuse, wie auch konkrete Sorgen und Fragen, die Jugendliche zu Hause und im Unterricht oft nicht stellen würden.

Bei eingetretener Schwangerschaft und entsprechender familiärer Konfliktsituation zeigt sich dann, dass gerade hier kein verankertes Wissen vorliegt und dem entsprechend auf keine Situationskontrolle geschweige denn Handlungssicherheit zurück gegriffen werden kann.

Ärztinnen der ÄGGF kennen aus ihrer klinisch-praktischen Erfahrung hier sehr unterschiedliche emotionale Situationen. Diese reichen vom relativ einfachen Ambivalenzkonflikt, wie er bei fast jeder Schwangeren vorkommt, bis hin zu schwerwiegenden existentiellen Gewissensnöten, die nicht selten Verheimlichung, Verdrängung oder Verleugnung der Schwangerschaft mit sich ziehen1, 2 .

Suizidgedanken und -versuche entstehen auch durch reale oder phantasierte Befürchtungen vor Ablehnung oder Bestrafung bis hin zur Annahme von Gesundheitsgefährdung oder gar Lebensbedrohung durch die (ablehnende) Umgebung/Familie.3

Erfahrungen aus ärztlicher Prävention in Schulen

Laut Rahmenkonzept zur Sexualaufklärung besteht der primärpräventive Auftrag zur Schwangerschaftskonfliktvermeidung  in erster Linie in der Vermeidung/Reduzierung ungewollter Zeugungen/Schwangerschaften.4

Im Idealfall wissen Jugendliche über Information durch die Eltern, Sexualaufklärung in der Schule, manchmal durch Arztkontakt sowie aus den Medien bereits, welches die besten Verhütungsmittel sind, bevor sie sie akut benötigen. Auch kennen sie nominell als Notfallverhütung die "Pille danach". Oft liegen dann aber zwischen Information, anwendbarem Wissen und Erwerb der Mittel und dann wieder zwischen Erwerb und rechtzeitiger und richtiger Anwendung viele Hürden.5, 6  

Ein großer Erfolg zeigt sich in der niedrigen Anzahl derer, die beim ersten Geschlechtsverkehr nicht verhüten. Die Rate hat sich von 2005 (15%) auf aktuell 8% nahezu halbiert. Allerdings achten ein Drittel der Jungen und ein Viertel der Mädchen im Langzeitverlauf nicht immer genau auf Verhütung.7

Das hier beschriebene Projekt unterstützt die Umsetzung des Rahmenkonzepts der BZgA4 in die Praxis. Die Materialien der BZgA www.sexualaufklaerung.de und das Jugendportal Loveline sowie www.schwanger-unter-20.de der BZgA sind hierbei wichtige Hilfen.

Damit diese Inhalte aber auch zielführend ankommen, aufgenommen, verstanden und letztendlich auch umgesetzt werden können, braucht es (nicht nur bei Heranwachsenden) die vorherige Erklärung durch kompetente, empathische, weltanschaulich neutrale und fachlich akzeptierte Menschen.

Gegenüber Ärztinnen in Schulen werden regelmäßig viele Nachfragen und Erklärungsbedarf geäußert, denen mit professioneller Distanz und gleichzeitig großer Empathie begegnet werden muss, um diese essentiellen Informationen "nahe genug zu bringen." 8, 9   Im Notfall oder in emotional aufgewühlten Situationen schaffen es viele Betroffene sonst oft nicht, nach solchen Informationen zu suchen, sie zu verstehen und danach zu handeln.

Lernziele u.a.

1. Primärprävention
Mädchen und Jungen sollen
  • den Zyklus, die fruchtbaren Tage sowie Befruchtung verstehen
  • Möglichkeiten und Wirkweise der Verhütung von Schwangerschaft und deren Sicherheit inkl. der Notfallverhütung kennen
  • praktische Antworten zu Erreichbarkeit von Verhütungsmitteln sowie
  • Umgang mit Verhütungsfehlern erarbeiten
  • Broschüren/Flyer erklärt und ausgegeben bekommen
2. Verknüpfung von Primär- und Sekundärprävention
Mädchen (und Jungen) sollen mit Unterstützung der Ärztin
  • das Thema "Ungeplant schwanger – wie geht es weiter ?" erarbeiten
  • Nächste Schritte (Schwangerschaftstest, Frauenarzt: genaue Diagnose, Feststellung Schwangerschaftsalter) kennen
  • Möglichkeiten der Unterstützung im Fall einer ungewollten Schwangerschaft kennen und erinnern
  • Beratungsstellen in ihrer Umgebung und übliche Verfahrensweisen kennen
  • das niedrigschwellige Unterstützungsangebot über das kostenlose Hilfetelefon "Schwangere in Not – anonym und sicher" unter der Rufnummer 0800 40 40 020 kennen
  • Möglichkeiten der Entscheidungsfindung kennenlernen
a) Entscheidung: Kind austragen
1) behalten und mit Unterstützung groß ziehen
2) auf die Welt bringen (in Pflege bzw.) zur Adoption geben

b) Schwangerschaftsabbruch (wann, wie, Kosten, rechtliche Aspekte)
  • Handlungsmodelle anhand von Fall-Beispielen aus der Praxis erarbeiten
  • Möglichkeiten der Unterstützung erklärt bekommen
  • Anonyme Geburt und Babyklappe vs. Vertrauliche Geburt (auch rechtliche Aspekte) erklärt bekommen

Maßnahme

Ärztinnen der ÄGGF e.V. unterstützen (nahezu bundesweit) mit ihrem ganzheitlichen umfassenden Konzept die Informationskampagnen der BZgA  durch Einbettung des Themas "Ungeplant schwanger – wie geht es weiter?" in die Lebenswirklichkeit Heranwachsender und in weitere zugehörige lebensnahe, praktische, präventive Themen (wie STI, Impfen, allg. Gesundheitsförderung etc.).

Setting

  • 90-minütige ärztliche Gesprächs- und Informationsveranstaltung in der Schule
  • im Klassenverband, koedukativ und/oder Mädchen allein
  • semistandardisiert, alters- und entwicklungsgerecht, über 1 – 2 Schuljahre

Inhalt

  • Verpflichtendes Schwerpunkt-Thema: Ungewollte/unbeabsichtigte Schwangerschaft – Wie kann es weiter gehen?
  • inhaltlich wesentlich orientiert am Wissensstand und -bedarf in der Altersstufe
  • unter Einbezug individueller Themen, Fragen und Sorgen
  • mit Weitergabe von Adressen der regionalen zuständigen Schwangerschaftsberatungsstellen sowie Informationsmaterialien
  • Motivieren der Schulen, mit den Klassen eine Beratungsstelle aufzusuchen oder eine Beraterin in den Unterricht einzuladen.
  • Kooperationspartner im Projekt

Fazit

Sicheres Wissen und Handlungskompetenz in vertraulicher, leistungsfreier und nicht direktiver Atmosphäre erworben, ist die Basis für Handlungssicherheit in Krisensituationen. Hiernach erst werden Flyer und Broschüren zum Thema gern und zielführend angenommen.5, 6 Heranwachsende müssen erfahren – am besten in einer Lebensphase, in der sie vom Thema berührbar aber noch nicht selbst von der Situation betroffen sind – dass Schwangerschaften immer wieder ungewollt und nicht geplant vorkommen.7 Gleichzeitig sollen sie wissen, wie und wo es dann einfach und schnell Zugang zu Rat und Hilfe gibt.

Diese Wissensvermittlung sollte mit Kompetenz und Empathie geschehen. Gerade in einer Zeit, in der sich junge Menschen natürlicherweise von den bisherigen "Autoritäten" in ihrem Leben unabhängig machen möchten und abgrenzen, sind Ärztinnen (und Ärzte) mit ihrer Schweigepflicht als kompetente, neutrale, aber empathische Beraterinnen und Wissensvermittlerinnen mit vielfältiger Erfahrung in diesen Fragen hoch akzeptiert.8

Die Zweckbestimmung der Konfliktvermeidung des SchKG wird hierbei ärztlicherseits mit unterstützt durch Information, Motivation und Kompetenzförderung.4

In der begleitenden Evaluation soll geprüft werden, inwieweit es gelungen ist, die genannten Lern-Ziele zu erreichen.

Literatur

  • [1] Jenkins A, Millar S, Robins, J: Denial of pregnancy – a literature review and discussion of ethical and legal issues. Journal of the Royal Society of Medicine. J R Soc Med 2011 104: 286


  • [2] Wessel J, Endrikat J, Buscher U.: Frequency of denial of pregnancy: results and epidemiological significance of a 1-year prospective study in Berlin. Acta Obstet Gynaecol Scand 2002;81:1021–7


  • [3] Klapp, C: Dudenhausen JW: Case Report: Betreuung und Geburtsleitung bei verheimlichter Schwangerschaft einer Minderjährigen mit schwersten psychosozialen Verwicklungen im interkulturellen Konflikt. Z Geburtshilfe Neonatol 2005; 209 - PO_7_8DOI: 10.1055/s-2005-923224


  • [4] BZgA: Rahmenkonzept zur Sexualaufklärung -in Abstimmung mit den Bundesländern, 2012


  • [5] Klapp C: Schwangerschaft bei jungen Mädchen. Zentralbl Gynäkol 125: 209 – 217, 2003


  • [6] Klapp C, Gille G, Layer C, Thomas C: Der präventiv – ärztliche Blick auf Risiken in der Sexualität junger Mädchen . Psychomed, 17. Jahrgang, Heft 3: 132 – 139, 2005


  • [7] BZgA: Jugendsexualität, Fokus Verhütung. Sonderauswertung der repräsentativen Studie Jugendsexualität 2010


  • [8] Gille G: Prävention mit Mädchen in Schulen. Frauenarzt 45 Nr. 8, 774 – 776,2004


  • [9] Gille G.:, Hinzpeter B., Klapp C, Layer C:Der Kinderwunsch Jugendlicher zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ärztliche Gespräche mit jungen Mädchen in Schulen. Reproduktionsmed Endokrinol 8(2) 2011